Martje Flohrs

Der Boßelverein nimmt seinen Namen von der wohl bekanntesten Persönlichkeit des Dorfes Katharinenheerd. Am 21.April 1989 feierte ganz Katharinenheerd ein großes Fest. Martje Flohrs hatte ihren 300. Geburtstag. Was war das für eine Frau, wie hat sie gelebt, was hat sie geleistet, das jung und alt, Kirche und Politik, kurzum, alles was in Eiderstedt Rang und Namen hat, sich zu einer großen Feier vesammelte?

          Martje-Flohrs-Relief an der Ostwand der Kirche von Walter Rössler

Zuerst einige persönliche Daten: Geboren wurde sie am 21.April 1689 als Martje Peters in Katharinenheerd. Ihr Vater war der Rats- und Lehnsmann Hinrich Peters. Ihre Mutter Diver Hinrichs. Martje Flohrs bekam den Nachnamen Peters. Es war alte Sitte zu jener Zeit, dem Kind einen von dem Vornamen des Vaters abgeleiteten Nachnamen zu geben. Schon ein knappes Jahr nach Martjes Geburt starb ihre Mutter Diver im Alter von 40 Jahren am 14.02.1690. Im Dezember 1691 starben ihre beiden jüngeren Geschwister. Nach dem Tod Divers heiratete Martjes Vater Anna Maria, die Witwe des Tönninger Chirurgen Peter Nickels. Diese Ehe blieb kinderlos. Die Witwe brachte jedoch von ihren sieben Kindern die beiden unmündigen Töchter Anna und Dorothea (diese war nur vier Jahre älter als Martje), mit in diese zweite Ehe. Doch Martje hatte noch mehr Schicksalsschläge zu verkraften: im Oktober des Jahres 1713, in den Wirren des Nordischen Krieges, als die Pest in Eiderstedt wütete, starben ihr Vater, ihre Stiefmutter und ihr Bruder Heinrich, der zu dieser Zeit Pastor in Kotzenbüll war und sich Henricus Petersen nannte. 

       Die Geburt und Taufe von Martje Flohrs ist verzeichnet im Geburtsregister von 1689

Nach dem Tode ihrer nächsten Verwandten erbte Martje den elterlichen Hof in Katharinenheerd. Sie heiratete am 08.11.1715, mit 26 Jahren, den Lehnsmann Johann Flohrs aus dem Kirchspiel Kotzenbüll. Das Ehepaar zog bald nach der Heirat auf den Katharinenheerder Hof. Aus dieser Ehe stammten die Kinder Johann Hinrich *1716, Anna Maria *1719 und Peter *1724.

Martje Flohrs`Hof soll den vorhandenen Aufzeichnungen nach auf einer jetzt unbewohnten Warft östlich der Chaussee von Tetenbüll nach Katharinenheerd und südlich der Chaussee Tönning - Garding gelegen haben. Nach dem Landregister des Eiderstedter Westerteils aus dem Jahre 1709 hatte der Hof eine Größe von 81 Demat (40,5 ha). Martje hatte den elterlichen Hof bis zu ihrem Tode am 31.01.1747 bewohnt und bewirtschaftet.

Martje Flohrs`Grab hat sich wohl bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Katharinenheerder Kirchhof befunden. Eine handschriftliche Notiz des Welter Pastors Schröder vom 26.06.1944 besagt, dass eine Nachkommin Martje Flohrs`ihm mündlich meldete, einen Gedenkstein auf das Grab gesetzt und eine Inschrift verfasst zu haben. Warum und wann der Grabstein später entfernt wurde und das Grab nicht mehr existiert, weiß heute niemand mehr zu sagen.

In ihrem Heimatdorf erfreute sich Martje Flohrs großer Beliebtheit, denn in den alten Kirchenbüchern wurde sie oft als Patin bei Kindtaufen und als Trauzeugin bei Hochzeiten genannt. Weit über die Grenzen ihres Heimatdorfes bekannt wurde Martje Flohrs durch ihren Trinkspruch: “Et gah uns wohl op unse olen Dage”.

Der Gardinger Ober- und Landgerichtsadvokat P.W. Cornils berichtete 1841 über die Entstehung dieses noch heute volkstümlichen Trinkspruches:

“Eine freundschaftliche und zugleich beglaubigte Mitteilung setzt mich in den Stand,...etwas Näheres anzugeben. Während der Belagerung Tönnings im Jahre 1700 nämlich hatte eine Gesellschaft von feindlichen Offizieren auf einem Hofe in Katharinenheerd (er ist erst seit einigen Jahren verschwunden) Wohnung genommen und verfuhr nach Feindes Art nicht eben säuberlich, so dass ihnen bei Tische eher der Gedanke als der Wein ausging. Die Tochter im Hause, Martje, damals 10 Jahre alt..., sah dem Treiben der Fremden und der Trübsal ihrer Eltern mit Unwillen und Bedauern zu, als sie von den übermütigen Gästen aufgefordert wurde, auch eine “Gesundheit” auszubringen. Dies tat sie auf eine Weise, welche ihr Andenken bis jetzt erhalten hat. Unter “Martje Flohrs`Gesundheit” nämlich, ohne welche in Eiderstedt beim sinnig frohen male Gast und Wirt sich selten trennen, wird der von ihr damals ausgebrachte Trinkspruch “Et gah uns wohl op unse olen Dage” verstanden.

Diesen Bericht von P.W. Cornils nahm Karl Müllenhoff 1845 in seine Sagensammlung auf. Als 1927 die Landschaft Eiderstedt ihr erstes großes Heimatfest feierte, beteiligte sich die Gemeinde Katharinenheerd am Festumzug mit einem reich geschmückten Wagen, der die Martje-Flohrs-Szene nachstellte.

                         Festumzug in Garding 1927

Lange Zeit hindurch hatte man von Martje Flohrs außer ihrem Trinkspruch keine weitere Kunde. Erst um 1920 stellte Hans Hinrichs aus Tetenbüll/Trindamm genaue Nachforschungen über ihre Herkunft und ihr Leben an, die er in den “Schleswiger-Nachrichten” veröffentlichte.

Bis dahin hatten die noch unbestimmten Umrisse Martje Flohrs`der Phantasie der Menschen und der Dichter die Möglichkeit zu immer neuer Gestaltung gegeben. Die Eiderstedter Dichterin Ingeborg Andresen hat Martje Flohrs, die Sage nach weiter umgestaltend, zur Heldin ihrer dramatischen Dichtung “Unse olen Dage” gemacht, ihr allerdings ein Alter von 17 Jahren gegeben, vielleicht aus der scheinbaren Unmöglichkeit heraus, das kein 10jähriges Kind eine so schön geformte Weisheit so treffend im rechten Augenblick ausgesprochen haben könnte. Die Sage berichtet jedoch nichts davon, das Martje Flohrs den Trinkspruch aus sich heraus zuerst gesprochen oder das sie ihn erfunden habe. Es stehe der Annahme nichts im Wege, meint Dr.Carl Roll, das Martje das Wort, dessen Entstehung in unsicheren Kriegszeiten wohl verständlich ist, schon früher gehört hat und dass das aufgeweckte Kind das schon gehörte Wort am rechten Platze anwandte.

        Der Tod von Martje Flohrs ist aufgeführt im Totenregister von 1747